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In Cappuccinia nichts Neues



Die Sonne strahlt vom blitzblauen Himmel. Die Strassencafes sind bevölkert, die Mimosen quellen gelb aus den Eimern vor den Blumenläden: ein neuer Frűhling ist eröffnet in Cappuccinia, dem Land, das nach Kaffee duftet. „Wir geben die Befehle, und die Politiker fűhren sie aus. Nachdem wir deren Wahl organisiert haben, brauchen wir den Politikern nicht mal mehr Schmiergelder zu zahlen, denn wir haben sie in der Tasche, erklärte ein Fűhrer der n’drangheta-Mafia von Kalabrien per űberwachtem Telefon einem Kollegen, der die Ausbreitung der kalabresischen Ehrenwerten im mittelitalienischen Umbrien vorantreiben sollte.

Nichts Neues also in Cappuccinia. Der Politkomiker Beppe Grillo träumt von einer Schwarzliste, in der alle korrupten Politiker verzeichnet wären, wie sie unlängst im Kosovo veröffentlicht wurde. Aber Cappuccinia ist nicht Kosovo, und steht nicht unter internationaler Verwaltung. Seufz. "Mich gelűstet's nach ein, zwei Jahrhunderten Fremdherrschaft", klagt ein beliebter Karikaturist.

Doch es gibt auch positive Neuigkeiten. Mehr Autobusse rumpeln nun mit Erdgasantrieb űber mittelalterliche Kopfsteinpflaster. Wer sein altes Auto verschrottet, bekommt eine staatliche Prämie bei Neuanschaffung. Der Automarkt floriert daher. Der neue Chef der ebenfalls neuen Demokratischen Partei, Walter Veltroni, will einen Mindestlohn von eintausend Euro einfűhren. Wie sich das auf die Beschäftigung auswirken wűrde, hat er nicht gesagt.

Während die Tűrkei und andere Länder in Eurabia sich in weitgehend sinnlosen Kopftuchstreits ergehen, hat Cappuccinia das Problem elegant gelöst. Man sieht Kopftűcher allenfalls auf den Häuptern ältlicher Roma-Frauen aus Rumänien. Wo sind alle die Nordafrikanerinnen, Somali, Eriträerinnen, Pakistani und Bangladeshi, die in diesem schönen Land weilen? Man erkennt sie nicht. Vielleicht tragen sie gerade laubfroschgrűn, die Modefarbe der Saison.

Grűn ist auch die Farbe der neuesten Sűdfrucht, die in Sizilien und Kalabrien is rasch steigendem Umfang angebaut wird: Cannabis, besser bekannt als Haschisch oder Marijuana. 1,5 Millionen Pflanzen im Wert von 300-400 Euro pro Stűck wurden 2007 allein in Sizilien entdeckt, auf hunderten von Hektaren Gewächshäusern und offenen Landes. In Kalabrien ist die Natur so gűnstig, dass die Pflanzen bis zu drei Meter hoch wachsen.

Wer sind die Erzeuger: meist brave, unbescholtene Bűrger mittleren Alters, die oft mit einem Blumentopf anfingen und sich in die neue Landwirtschaft verliebten. An wen verkaufen sie? An die lokalen ehrenwerten Gesellschaften, die den Vertrieb organisiert haben. So sorgt der angeblich unterentwickelte Sűden dafűr, dass ganz Cappuccinia seine spinelli rauchen kann.

Eine neue Wahl steht an in Cappuccinia, und Milliardär Berlusconi ist sicher, haushoch zu gewinnen. Wieso ist ein abgetakelter Politico mit anrűchiger Vergangenheit so unglaublich stark? Die Antwort ist einfach: er ist Chef zweier Parteien: einer offiziellen und einer geheimen.

Seine offizielle Partei heisst Forza Italia. Seine geheime Partei ist die bei weitem grösste in Cappuccinia: nämlich die Partei der Steuersűnder. Seit dem verblichenen Mogens Glistrup, der in den siebziger Jahren Dänemark mit seiner (offiziellen) Anti-Steuer-Partei aufmischte, hat kein Politiker so genial das Klavier der Steuerhinterziehung gespielt wie Berlusconi.

Als Patron der evasori kann er auf einen soliden Block der Geschäftsleute bauen, die beispielsweise beim Kauf eines Gegenstands dem Kunden einen grossműtigen sconto anbieten im unausgesprochenen Tausch gegen den Verzicht auf einen Kassenbon. Betrachtet man die deklarierten und versteuerten Einkommen von Geschäftsleuten, Anwälten, Ärzten und anderen Gutverdienern, so kann einem nur Mitleid űber so viel Armut kommen. „Die műssten alle unter den Brűcken schlafen, wenn sie von ihrem Einkommen leben wűrden“, spottete unlängst eine Zeitung.

Damit ist im Prinzip alles gesagt. Da kein Steuerhinterzieher gegen das eigene Interesse und fűr das Allgemeinwohl der Ehrlichkeit stimmen wird, kann Berlusconi bereits ein detailliertes Programm fűr eine dritte Regierungszeit ausarbeiten. Einfach genial.

Der ehemalige Justizminister Mastella, gegen den von der Staatsanwaltschaft ermittelt wird, musste zurűcktreten und stűrzte die Regierung Prodi, um dem potentiellen Nachfolger Berlusconi zu Diensten zu sein. Von dem forderte Mastella nun fűr seine Mini-Partei fűnfzehn Abgeordnetenmandate. Berlusconi lehnte kűhl ab. Der Mohr hat seine Pflicht getan.

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—— Giorgio Ascoltone